Monthly Archive for November, 2009

Kulturindustrie. Mediengesellschaft als „Massenbetrug“?

Seminar mit Christoph Hesse (Arbeitskreis rote ruhr uni).
06.12.09, 11.30 Uhr im Filler. Anfahrtsbeschreibung gibt es hier. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

“Zuletzt ist es gleichgültig, ob der Herde eine Meinung befohlen oder fünf Meinungen gestattet sind. – Wer von den fünf öffentlichen Meinungen abweicht und bei Seite tritt, hat immer die ganze Herde gegen sich.” Nietzsche

Kulturindustrie meint – seit der „Dialektik der Aufklärung“ von 1947 – jenen gesellschaftlichen Komplex, der weithin auch mit Massenkultur oder Massenmedien bezeichnet wird. Die Begrifflichkeit ist dabei keineswegs zufällig. Wie Adorno später betonte, sei man darauf bedacht gewesen, “von vornherein die Deutung auszuschalten, die den Anwälten der Sache genehm ist: daß es sich um etwas wie spontan aus den Massen selbst aufsteigende Kultur handele, um die gegenwärtige Gestalt von Volkskunst.” Um wenige Begriffe der Kritischen Theorie ranken sich seither mehr interessierte Mißverständnisse als um den der Kulturindustrie. Daß zum Beispiel Adorno, weil er von Kunst mehr und unter Kultur anderes verstanden hat, als die Kulturindustrie ihren Zeitgenossen zu denken zuläßt, deshalb versnobt gewesen sei, ist noch der dürftigste Einwand von Leuten, die ihr unverschuldetes Vergnügen an der Sache rationalisieren wollen. Auch unter den vielfältigen Kulturtheorien herrscht Einvernehmen darin, daß die Thesen über Kulturindustrie wie auch immer veraltet seien. In der Tat haben Horkheimer und Adorno damit einer Erfahrung Ausdruck gegeben, die heute vielleicht gar niemand mehr machen kann, weil jeder bereits zum Reproduktionskreislauf der Kulturindustrie unweigerlich hinzugehört. Nicht mehr nur das Ökonomische und Politische, auch das vermeintlich Private, das „eigene Leben“, die zwischenmenschlichen Beziehungen, der individuelle Genuß und nicht zuletzt das Denken sind in die Zuständigkeit des gesellschaftlichen Ganzen übergegangen. Kulturindustrie ist insofern zum Inbegriff der integralen Gesellschaft geworden, die jeden Ausweg versperrt, oder schlimmer noch: in der jeder mit Rosen gepflasterte Ausweg nur um so tiefer ins Verhängnis zurückführt. Daß die Thesen über Kulturindustrie wahlweise „unterkomplex“ oder „übertrieben“ und auf jeden Fall „kulturkonservativ“ seien, gehört zu den geläufigsten Einwände bis heute. Die summarische Kritik mache sich blind gegen das Widersprüchliche und Widerständige der sogenannten populären Kultur und rücke zudem eine insgesamt doch eher harmlose Veranstaltung in die Nähe totalitärer Repression. Erstaunlich ist allerdings, wie wenig die von anderer Seite in Anspruch genommene Differenzierung der Sache bei den Kulturindustriethesen selber gelingt. Häufig ist von einer holzschnittartigen Manipulationstheorie die Rede, die man sodann diskursanalytisch oder anderweitig auflösen kann. Ebensooft wird das theoretische Fundament der Kulturindustriekritik, die Marxsche Warenanalyse, sei’s einfach ignoriert oder nach Art der Stillen Post überliefert. Zu einem scheinbaren Allerweltsthema wie Kultur(-Industrie) hat offenbar jeder immer schon eine Meinung, ohne die Sache einigermaßen überschaut zu haben. Es geht nicht darum, ob man der Kritik der Kulturindustrie, wie man es bei politischen Ansichten tut, im einzelnen zustimmt oder nicht. Zu klären wäre aber, welche Rolle ihr in der kritischen Theorie spätkapitalistischer Vergesellschaftung zukommt, etwa als Scharnier zwischen ästhetischer Theorie und Ideologiekritik des gesellschaftlichen Massenbewußtseins (des oft ebenso märchenhaft interpretierten „Verblendungszusammenhangs”). Wer sich dessen leichtfertig entledigt, wird es zumindest schwer haben zu begreifen, warum die von den Gestalten und Mißgestalten der populären Kultur ergriffenen Menschen auch weiterhin mehrheitlich “für baren Unsinn das Martyrium erleiden” (Adorno), anstatt es etwa abzuschaffen.

Das Seminar soll – anhand der gemeinsamen Diskussion des entsprechenden Kapitels aus der „Dialektik der Aufklärung“ (und ggf. anderer Texte zum Thema) – einen Begriff von Kulturindustrie entwickeln helfen, der über die bisweilen üblichen Schlagworte von Standardisierung und Massenbetrug hinausreicht. Je nach Interesse könnte es dabei vor allem um den Stellenwert der Kulturindustriekritik für die Kritischen Theoretiker selber, um die theoretischen Voraussetzungen dieser Kritik oder auch um deren Bedeutung gegenüber zeitgenössischen Medien- und Kulturtheorien gehen.

„…die wichtigste aller Künste“ – Bilder der Avantgarde im Kino der Revolution

Vortrag mit Filmbeispielen von Christoph Hesse (Arbeitskreis rote ruhr uni).
05.12.09, 18.00 Uhr im Filler. Anfahrtsbeschreibung gibt es hier.
Anschließend Überraschungsfilm.

Der Film sei die wichtigste aller Künste, meinte Lenin: weil nämlich der Film, anders als die dem gebildeten Bürgertum vorbehaltenen traditionellen Kunstgattungen, der gesamten Bevölkerung zugänglich sei. Der Film, hoffte er, werde den Massen die Revolution in jedermann verständlichen Bildern nahebringen. Die in der Sowjetunion der zwanziger Jahre produzierten Filmkunstwerke schienen ihm sogar recht zu geben, Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potjomkin“ war von Moskau bis Hollywood berühmt. Den Ruf „Brüder!“ des Matrosen Wakulintschuk vernahmen zumindest die Filmkritiker aller Länder. Auf das erwachsende Klassenbewußtsein des Publikums wartete man jedoch ebenso vergeblich wie auf die Weltrevolution. Die Filme, die sie hatten herbeiführen helfen sollen, blieben schließlich der Kennerschaft von Intellektuellen überlassen und, was ihre Massenwirkung betrifft, eher einem Text von Kafka oder Joyce als einem Musicalfilm von MGM vergleichbar. Ähnlich erging es seither jedem Film, der die Hoffnung auf Revolution mit dem Anspruch auf eine Revolutionierung der Filmkunst selbst verband.
Was hier als politische Avantgarde des Kinos bezeichnet wird, folgt keiner eingebürgerten Definition, worunter etwa bestimmte Filme einer Epoche rangieren. Gemeint sind damit Filmexperimente, die auf der Suche nach einem neuen Inhalt des Kinos zugleich auch die Form zu verändern suchten, die sich als Norm filmischer Darstellung etabliert hatte; die Werke von Filmemachern, die nicht politische Filme, sondern, nach einer Unterscheidung Jean-Luc Godards, politisch Filme machen wollten. Zur Diskussion gestellt werden sollen ästhetische Konzepte einer politischen Film-Avantgarde, wie sie erstmalig im sowjetischen Kino der zwanziger Jahre Gestalt annahm. Ähnliche Versuche wurden abermals, nun unter ganz anderen Bedingungen, im Gefolge der sogenannten Neuen Wellen im Autorenkino der sechziger Jahre unternommen. Beide dürfen, an ihren ästhetischen und politischen Ansprüchen gemessen, als gescheitert gelten. Bedrückender als diese Erkenntnis ist allerdings der in der historischen Rückschau sich verfestigende Eindruck, daß das Niveau jener Filme seitdem kaum jemals wieder erreicht wurde.

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