Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie und das Problem ihres Zeitkerns

Vortrag und Diskussion mit Matthias Spekker am 20. September 2023 um 18:30 Uhr im [kany]

Die Kritik der politischen Ökonomie ist keine – von Marx’ revolutionärer Perspektive sauber zu scheidende – wissenschaftliche Theorie, die einfach beschreibt, was ist. Sie ist vielmehr nach Marx’ Verständnis gerade und nur deshalb wissenschaftlich, weil sie die kapitalistischen Verhältnisse als solche darstellt, die notwendig über sich hinausweisen auf eine „freie Assoziation freier Individuen“, eine vernünftig eingerichtete Gesellschaft. Marx kann, mit anderen Worten, das Kapital also nur deshalb kritisieren, weil, oder besser: wenn es sich als ein verkehrtes gesellschaftliches Verhältnis begreifen lässt, das gleichsam die Bedingungen der Möglichkeit der befreiten Gesellschaft und damit auch seinen Kritikmaßstab aus sich selbst erst hervorbringt. Dieser unauflösbare Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Darstellung und kommunistischer Kritik, zwischen Wahrheit und Revolution, lässt sich bis in die Kategorien des Kapital nachvollziehen. Doch welche Konsequenzen hat für eine solcherart materialistische Kritik die Tatsache, dass die „wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“, sich historisch überhaupt nicht durchgesetzt hat, sondern im Gegenteil angesichts der Weiterentwicklung und Fähigkeit des Kapitals zu nahezu totaler Integration und schließlich seiner negativen Aufhebung in Barbarei im 20. Jahrhundert gescheitert ist?

Im Vortrag soll dieser innere Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Darstellung und realer Aufhebungsbewegung des Kapitals in Marx’ Werk erläutert und zugleich gezeigt werden, warum die materialistische Kritik der politischen Ökonomie damit notwendig einen Zeitkern hat, warum sie also historisch in eine bis heute anhaltende Krise geraten musste angesichts des historischen Fortschreitens der Verhältnisse, die dieser Kritik objektiv kaum noch entgegenkommen. 

Matthias Spekker ist Bildungsreferent bei den Falken Bremen und hat zuvor im Forschungsprojekt „Marx und die ‚Kritik im Handgemenge‘ – Zu einer Genealogie moderner Gesellschaftskritik“ (Uni Osnabrück) gearbeitet. U.a. hat er mit Anna-Sophie Schönfelder und Matthias Bohlender das Buch „Wahrheit und Revolution – Studien zur Grundproblematik der Marx’schen Gesellschaftskritik“ (transcript-Verlag 2020) sowie kürzlich mit Jan Rickermann den Literaturessay „Wolfgang Pohrt und die Kritik nach dem Schwinden ihrer objektiven Möglichkeit“ (soziopolis.de 2023) veröffentlicht.