Das Ganze ist das Unwahre

Arbeitskreis Analytische Sozialpsychologie – Ab April 2026 an der Uni Erfurt

Vor über 100 Jahren entstand die Psychoanalyse als klinisches Projekt: Sie sollte individuelles Leiden verstehbar und behandelbar machen. Ihr Gegenstand war zunächst das Innere – Konflikte, Triebe, frühe Prägungen. Gesellschaftliche Verhältnisse bildeten den Hintergrund, standen aber nicht im Zentrum der Theorie. 

Doch spätestens im 20. Jahrhundert wurde die Psychoanalyse explizit politisch. Im Umfeld des Instituts für Sozialforschung und der Frankfurter Schule verbanden Denker wie Erich Fromm, Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno die Analyse unbewusster Strukturen mit einer radikalen Gesellschaftskritik. Sie stellten die Frage, wie Subjekte historisch geformt werden, wie Autorität, Anpassung und Begehren gesellschaftlich produziert sind – und wie psychische Dispositionen zur Stabilisierung von Herrschaft beitragen. Psychoanalyse wurde damit zu einem Instrument kritischer Theorie: Sie sollte nicht nur erklären, warum Menschen leiden, sondern auch, warum sie Verhältnisse reproduzieren, die sie beschädigen – und wie diese Verhältnisse überwindbar wären. 

Heute scheint dieser Anspruch weitgehend verblasst. In der gegenwärtigen Psychotherapie wird psychisches Leiden überwiegend als individuelles Problem verhandelt. Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Subjekte sich formen, anpassen oder zerbrechen, geraten aus dem Blick. Das kritische Potential der Psychoanalyse – ihre Fähigkeit, Psyche und Gesellschaft als ineinander verschränkt zu begreifen – ist in den Hintergrund getreten. 

Genau hier wollen wir ansetzen. In einem Lesekreis möchten wir uns jene Tradition erschließen, die Psychoanalyse als Gesellschaftskritik begreift. Als Grundlage dient uns das von Helmut Dahmer herausgegebene Standardwerk, das zentrale Texte von den frühen Ansätzen bis in die 1970er Jahre versammelt. Uns interessiert, was diese Theorien heute noch leisten: Können sie helfen, gegenwärtige Formen von Anpassung, Autoritarismus oder Vereinzelung zu verstehen?  

In einer Auftaktsitzung geben wir einen Überblick über die im Buch versammelten Zugänge, besprechen dann gemeinsam, in welche Lektüre wir zuerst einsteigen wollen und in welchem Modus wir zusammen arbeiten wollen. Wir setzen für eine Teilnahme keine Vorkenntnisse in den Bereichen Psychoanalyse oder Sozialpsychologie voraus. Wir selbst haben fachlich einen anderen Hintergrund, möchten uns die Grundlagentexte jedoch gerade deshalb gern gemeinsam mit anderen erschließen und sie diskutieren. Dazu laden wir alle Interessierten ein. 

Das genaue Start-Datum sowie Uhrzeit und Treffpunkt geben wir rechtzeitig hier und auf all unseren Kanälen bekannt!