Offener Schüler*innen-Brief

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind eine Gruppe von Schüler*innen einer 10. Klasse in Erfurt. Nicht alle von uns sind Mitglied bei den Falken, aber manche. Wir haben uns mit den Falken zusammengetan und nutzen die Strukturen des Jugendverbandes, um unserer Situation in der Krise bezogen auf die anstehenden Abschlussprüfungen, unseren Perspektiven darauf und unseren Forderungen Gehör zu verschaffen. Diesen Brief schreiben wir also mit den Falken gemeinsam und damit für uns keine Nachteile entstehen, bleiben wir anonym.

Aktuell neigt sich das 10. Schuljahr dem Ende zu und gleichzeitig jährt sich der Beginn der Corona-Maßnahmen in Deutschland. Mit dem Ende der 10. Klasse stehen natürlich auch die Abschlussprüfungen an. Wir streben den Realschulabschluss an. Einige machen danach eine Ausbildung, andere wollen in die gymnasiale Oberstufe wechseln. Alle unsere Zukunftspläne hängen aber davon ab, ob und wie wir unsere Abschlüsse machen. Welche Probleme dabei vor dem Hintergrund der Corona-Maßnahmen entstanden sind, wollen wir Ihnen in diesem Brief deutlich machen:

Wir haben nun fast seit einem Jahr kaum schulische Bildung genossen, obwohl die Abschlussklassen priorisiert behandelt werden sollten. In den Medien wird viel davon geredet, dass Lehrkräfte nicht ausreichend auf den Online-Unterricht vorbereitet gewesen seien. Bei uns gab es keinen Online-Unterricht, denn unsere Schule hat erst Ende Februar 2021 eine Schul-Cloud einrichten können. Unsere Lehrer*innen hatten nicht einmal schulische E-Mail-Adressen. Wir konnten unsere Lehrer*innen im Lockdown weder erreichen noch gab es eine einzige Online-Schulstunde. Die Aufgaben wurden auf der Homepage der Schule hochgeladen. Einige von uns haben keinen Drucker und mussten alle Arbeitsblätter abschreiben. Wir haben von der Schule weder eine Tagesstruktur angeboten bekommen noch eine kontinuierliche didaktische Vermittlung des Schulstoffes. Wir hängen im Stoff also massiv hinterher. Seit einigen Wochen dürfen wir wieder in die Schule gehen, aber der verpasste Stoff wird nicht nachgeholt. Viel Klausurrelevantes wurde einfach ausgeklammert. Die Lehrer*innen sagen, dass wir den verpassten Stoff nach dem Schulschluss an den Nachmittagen aufholen sollen, aber sie haben keine Vorstellung davon, vor welche Probleme das Schüler*innen stellen kann. Manchmal, wenn wir nach Hause kommen, stehen unsere kleineren Geschwister gerade auf. Zudem sind manche unserer Wohnungen so klein, dass wir kein eigenes Zimmer haben. Wenn unsere Eltern auf Arbeit sind, müssen wir uns selbst an den Nachmittagen um die kleineren Geschwister kümmern. Und selbst wenn die Eltern da sind, ist es zu Hause zu laut. Die Wohnungen sind einfach keine geeigneten Orte, um zu lernen. Es ist uns wichtig zu sagen, dass diese Situation bei deutschen Familien und solchen mit Migrationshintergrund auftritt. Aber Eltern, die kaum Deutsch sprechen können und/oder selbst nicht in Deutschland zur Schule gegangen sind, können zusätzlich wegen der Sprache und auch wegen des anderen Wissens gar nicht bei Schulaufgaben helfen. Wir müssen dann manchmal unseren Geschwistern helfen, anstatt selbst lernen zu können und uns können unsere Eltern auch nicht helfen. Es ist also kaum eine Option, zu Hause irgendetwas nachzuholen. Die Schule hat für uns Nachhilfe organisiert, aber nur einmal in der Woche pro Schüler*in. Das haben viele von uns zwar in Anspruch genommen, aber einmal in der Woche Nachhilfe hat gar nicht ausgereicht, um die aus der fehlenden didaktischen Vermittlung entstandenen Lerndefizite auszugleichen. Einmal in der Woche für ein paar Stunden Nachhilfe kann ja nicht das Fehlen des Stoffes einer ganzen Woche auffangen. Und private Nachhilfe ist sehr teuer.

Aktuell können wir wieder in die Schule gehen, aber die Stundenpläne ändern sich jede Woche. Das hat zur Folge, dass wir uns jede Woche auf neue Schulzeiten einstellen müssen, sodass kein Schul-Rhythmus entstehen kann. Außerdem ist die gesamte Prüfungssituation sehr lange sehr intransparent geblieben. Wir haben uns gefragt: Dürfen wir überhaupt Prüfungen schreiben? Und wenn ja, werden die Prüfungen an unseren schulisch vermittelten Wissensstand angepasst? Jetzt ist klar: Wir müssen die Prüfungen schreiben, nichts wird angepasst und niemanden kümmert es, dass wir die Prüfungen eigentlich gar nicht schreiben können.

Wir haben zwei Vorschläge bezüglich der Prüfungen. Wir fordern, dass einer der Vorschläge umgesetzt wird:

Forderungen:

  • Die Einheitlichkeit der Prüfungen muss aufgehoben werden: Unsere Lehrer*innen sollen unsere Prüfungen konzipieren.

oder

  • Die Abschlussprüfungen werden allgemein abgesagt und die Endnote wird stattdessen aus den Vornoten zusammengesetzt.  

Mit wütenden Grüßen und in der Hoffnung, dass sich etwas ändert

Eine Gruppe von Realschüler*innen aus Erfurt

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