Von der Hinterhältigkeit der Pädagogik

Veranstaltungsreihe zur Kritik pädagogischer Begriffe & Konzepte

Ankündigungstext zur Veranstaltungseihe

Bildung gilt spätestens seit der Aufklärung als eine zentrale Kategorie der Befreiung des Individuums. Doch wie von der Idee der Bewegung des revolutionären Bürgertums, der Herstellung einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, ist auch von dem, was Bildung in diesem Zusammenhang auf individueller Ebene hervorbringen sollte, wenig übrig geblieben. Subjekte hervorzubringen, die selbstbewusst einen gesellschaftlichen Zustand ohne Status und Übervorteilung mittragen können, ist heute nicht mehr der zentrale Anspruch an Bildung. Nur eines scheint trotz der grundsätzlichen Veränderung der Vorstellung von dem, was unter Bildung verstanden wird und wie ihre Zwecke bestimmt werden, bestehen geblieben zu sein: Bildung gilt als zentrale Kategorie zur Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens, quasi als Zauberformel zur Beseitigung aller möglichen Missstände.
So erklärt es sich auch, dass nicht mehr Verteilungsgerechtigkeit, sondern mehr Bildungschancen und -angebote in dieser Vorstellung das Patentrezept gegen Armut und Ausgrenzung, gesellschaftliche Krisen und für Problemfelder aller Art sind. Und mit immer neuen Ansätzen wird versucht, von der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen zur Mitbestimmung innerhalb und Teilhabe an der Gesellschaft zu befähigen. Aktuell finden diese Bemühungen Ausdruck in Begriffen wie Inklusion, Empowerment oder Partizipation. Ziel ist es, alle Menschen dabei zu unterstützen, in ihrer Individualität und Einzigartigkeit gewürdigt zu werden, sie zu selbstbestimmten Handeln und Mitbestimmung zu befähigen. Dies gilt auch für Kinder und Jugendliche, welche durch den Wechsel vom Jugendwohlfahrtsgesetz zum Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) als Subjekte und demnach als Träger individueller Rechte anerkannt und berücksichtigt werden.
Wie dieses Beispiel zeigt, ist die Pädagogik mit einer Vielzahl durchaus edler Ziele und Vorstellungen angetreten. Doch warum scheitern die großen pädagogischen Ansätze in der Praxis immer wieder und warum blieb die Verwirklichung eines besseren Lebens bisher aus?
In einer Vortragsreihe möchten wir diesen Fragen anhand einer kritischen Reflexion gegenwärtiger pädagogischer Konzepte nachgehen. Grundlegend für diese Analyse ist die Tatsache, dass Pädagogik nur als Teil der Gesellschaft gedacht werden kann. Gemeinsam möchten wir diskutieren, welche Freiräume den Subjekten und der pädagogischen Arbeit in der heutigen kapitalistisch organisierten Gesellschaft bleiben und ob in diesen Ansätzen emanzipatorisches Potenzial liegt. Was ist vom Bildungsbegriff übrig geblieben und in welchen Zusammenhang steht dieser zu den besagten pädagogischen bzw. erziehungswissenschaftlichen Konzepten?
Es liegt die Vermutung nahe, dass sich unter dem Deckmantel von Konzepten wie Inklusion, Partizipation, Kompetenz und schließlich auch Bildung Vorstellungen und Interessen verbergen, die als „aktivierende Sozialpolitik“ begriffen werden müssen. Eine kritische Reflexion dieser Konzepte scheint notwendiger denn je, um sich nicht zum Agenten fremder Interessen zu machen

 

Die Veranstaltungsreihe

 

Kritik des Kinder- und Jugendhilfegesetzes

02.11.2015 – Philipp & Tyll Steckelmann – 18.30 Uhr
Uni Erfurt LG 1/102

1991 trat nach einer fast zwanzigjährigen Debatte das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft. Es wurde als Kehrtwende in der Gesetzgebung und „modernes Dienstleistungsgesetz“ gefeiert. Erstmals wurden die einzelnen jungen Menschen mit umfassenden subjektiven Rechtsansprüchen ausgestattet und in den Mittelpunkt des Gesetzes gerückt. Im Vortrag wollen wir zeigen, dass das „Recht auf Erziehung“ im bürgerlichen Rechtsstaat nicht ohne eine Pflicht auf Erziehung im Sinne einer Integration verstanden werden kann und im Mittelpunkt des Gesetzes noch immer die Interessen dieser Gesellschaft stehen, geändert haben sich lediglich Bedingungen und Mittel.

Kritik des Empowerment Konzepts

12.11.2015 – 18.30 – Thorsten Eggers
Uni Erfurt LG 1/102

Seit Ende der 1970er Jahre hat sich mit zunehmender Relevanz ein Begriff in der Psychologie, der Sozialwissenschaft, der Sozialarbeit/-pädagogik, der Entwicklungspolitik, verschiedenen politischen Konzepten und Protestbewegungen, der Betriebswirtschaftslehre und Selbstmanagement-Literatur sowie der Entwicklungspolitik etabliert: Empowerment. Der jeweils unterschiedlich akzentuierte konzeptionelle Inhalt dieses Begriffes zielt auf Machtverschiebung – Macht, welche ungleich verteilt ist, soll in Frage gestellt, angeeignet und zu Gunsten der bisher vermeintlich Machtlosen ausgebaut werden. Ein zentraler Aspekt dieser Machtverschiebung ist die Art und Weise der Aneignung von Macht: Die Machtlosen (Gesellschaften, Organisationen, Unternehmen, Familien, Individuen) sollen sich „ihre Macht“ selbst akkumulieren, sollen sich nicht in der Rolle eines machtlosen Opfers sehen, sondern in der Rolle einer kompetenten und mit Ressourcen versehenen Instanz, die ihre Handlungsmacht erkennt und damit die Probleme des Alltags (z. B. Arbeitslosigkeit) wirkungsvoll bekämpft. Für die Sozialarbeit heißt dies: Kein staatlicher Protektionismus, keine pauschalen Abfertigungen, keine „Defizitorientierung“ und erst recht keine Thematisierung von Schwäche – sondern der Glaube an die Handlungsmacht eines jeden Individuums, die Verantwortungsabgabe an die Menschen selbst und die implizit immer vorhandene Verbesserungsfähigkeit des sich selbst helfenden Subjektes.
Doch welche Schwächen beinhaltet ein Konzept, welches Schwäche tabuisiert? Welche Gefahren lauern in einer Theorie, die gesellschaftliche Problemfelder wie Arbeitslosigkeit individualisiert und letztendlich primär die Einzelnen als Ausgangspunkt von Veränderungspotenzial und -Notwendigkeit ins Auge fasst? Welche Logik verbirgt sich in dieser Selbstoptimierungstechnologie?

Politik und Kontingenz. Zur Temporalisierung des Primats des Politischen in der Sozialen Arbeit

19.11 – Martina Lütke-Harmann – 18.30 Uhr
Uni Erfurt LG 1/102

Der Vortrag widmet sich der Frage nach dem Verhältnis von Sozialer Arbeit und Politik aus einer quasi-transzendentalistischen und problemgeschichtlichen Perspektive. Die mit einer solchen Vorgehensweise verbundene Zielsetzung ist, die gegenwärtig vielfach wirksame Rede von einer ‚Rückkehr des Politischen‘ und die damit verbundenen Priorisierung von Kontingenz als Bedingung und Resultat politischer Handlungen erneut in einen geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, d.h. zu historisieren und so zur Erkenntnis spezifischen politischen Möglichkeiten Sozialer Arbeit zu gelangen.

Zur Kritik der frühkindlichen Bildung

26.11 – Simon Kunert- 18.30 Uhr
Uni Erfurt LG 1/102

Selten scheint es zwischen den Interessen der Wirtschaft, der Politik und der Pädagogik eine derartige Übereinstimmung zu geben wie bei der Forderung nach frühkindlicher Bildung. Jedoch trägt das mit ihm ausgedrückte, sich der kapitalistischen Verwertungslogik unterwerfende Konzept neoliberaler Bildungsplanung dazu bei, den Erziehungsbegriff zu verdrängen, den der Bildung zu hintertreiben und führt zu einer drastischen Enteignung kindlicher Subjektwerdungsprozesse. Mit einer kritische Theorie des Erziehungs- und Bildungsbegriffs wäre auf diese ökonomisch-funktionalistische Instrumentalisierung zu antworten.

Die Veranstaltungsreihe wird organisiert vom AK Kritische Pädagogik an der Uni Erfurt.

Wer wir sind:
Der Arbeitskreis „Kritische Pädagogik Erfurt“ ist ein Zusam¬menschluss junger Menschen, die dem konventionellen pädagogischen bzw. sozialarbeiterischen Studium eine kritische Auseinandersetzung mit der Pädagogik in all ihren Facetten entgegenstellen und ihre gesellschaftliche Grundlagen reflek-tieren wollen.
Wir alle sind Studenten der Erziehungswissenschaften, Sozi¬alen Arbeit oder Pädagogik bzw. arbeiten im pädagogischen Kontext. Auf unseren wöchentlichen Treffen lesen und disku¬tieren wir Texte aus diesem Bereich oder besprechen Erfah¬rungen, die wir gemacht haben.
Solltest du Interesse an unserer Arbeit haben melde dich bei uns. Neueinsteiger*innen sind jederzeit herzlich Willkommen

kritische_paedagogik@falken-erfurt.de

Die Veranstaltungsreihe wird gefördert durch:

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